Hier eine Auflistung der Charaktere und Konstellationen:
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alles, was das Abi-Herz begehrt ... auch in letzter Minute...! (Viel Glück !!)
Auszug aus:
www.Bange-Verlag.de
Miller
Der Musikus Miller verkörpert den bürgerlichen Familienvater,
einen plumpen Charakter, der etwas vierschrötig auftritt und
dabei seinen Äußerungen noch einen Schuss Humor beimischt.
Von Beginn an ist diese Vaterfigur zwiespältig
gestaltet: Er ist der liebevolle Vater,
der seine Tochter schützen möchte. Aber zu keinem Zeitpunkt
der Handlung ist Miller ein Mann der Tat. Er kündigt zwar
ständig an, etwas zu unternehmen, es geschieht aber nichts. So
will er zum Präsidenten gehen, um ein Gespräch von Vater zu
Vater zu führen – er bleibt zu Hause. Bei der ersten Konfrontation
mit dem Präsidenten will er vom Hausrecht Gebrauch machen –
er kündigt es lediglich an. Miller lebt in einem engen, aber überschaubaren
Lebensraum. Seine Selbstsicherheit bezieht dieser
städtische Kleinbürger daraus, dass er sich durch seine Arbeit eine
Existenz geschaffen und Kalkulierbarkeit in sein Leben gebracht
hat. Der Musikus fügt sich in die Ordnung der Ständegesellschaft
ein und wünscht keine Experimente, wie sie auch diese Liebe
hervorrufen könnte. So besteht er auf einer Beendigung der Beziehung
zwischen seiner Tochter Luise und dem Adligen Ferdinand
von Walter, als er erkennt, dass die beiden mehr als die
Liebe zur Musik verbindet. Zu der Selbstsicherheit, die aus der
beruflichen Position heraus entwickelt ist, tritt ein festes Gottvertrauen.
Diese Frömmigkeit setzt er schließlich unter anderem
auch bewusst ein, um seine Tochter vom Selbstmord abzuhalten.
Hier zeigt er seine ganze väterliche Macht und holt Luise so in
seine Welt zurück. Ihm ist nicht klar, dass er das Mädchen damit
zerstört.
Gegenüber den beiden Frauen, die ihn
umgeben, verhält er sich patriarchalisch:
Für sein einziges Kind Luise, erzogen nach seinen Wertmaßstäben,
empfindet er eine fast abgöttische Liebe. Ihr gestattet er –
zwiespältig natürlich innerhalb der Standesgrenzen – die freie Wahl eines
Ehepartners. Zu seiner Frau besteht offensichtlich kein Vertrauensverhältnis.
Dieser bornierten, undiplomatischen Frau gegenüber
verhält er sich ausschließlich als befehlender Patriarch, ohne
viel auszurichten. So will sie, wenn Miller sich Luises Heiratsplänen
widersetzen will, vor Gericht gehen. Frau Miller stellt einen
anderen Typ von Ehefrau dar als den, zu dem Miller seine Tochter
erzogen hat. Seine Frau handelt ohne oder gegen sein Wissen,
indem sie die Beziehung zwischen Luise und Ferdinand heimlich
fördert. Dabei fällt für sie so manches kleine Geschenk ab und sie
fühlt sich geschmeichelt, einen feinen Herrn im Hause zu haben.
Hier spielt sich im kleinen, engen familiären Rahmen eine ständige
Intrige ab.
Obwohl Miller der kleinen, überschaubaren Welt verhaftet ist und
ein gewachsenes bürgerliches Selbstbewusstsein zeigt, hat auch
er geheime Träume vom großen Glück und einem gesellschaftlichen
Aufstieg. Als Ferdinand ihm eine große Summe gibt, wird
dieser Charakterzug deutlich, der sich bisher nur in der Geld-Metaphorik
Millers und Andeutungen (s. I, 1) widerspiegelte. Der
unerwartete Geldbesitz deckt diese Träume auf und lässt Miller in
seinem Tanz um das Gold mit verzerrtem Gesicht abstoßend wirken.
Am Schluss des Dramas, als er vor der Leiche Luises steht,
wird klar, dass sein väterlicher Autoritätsanspruch gescheitert ist,
und er läuft verzweifelt davon.
Insgesamt gesehen ist Miller eine Gestalt mit zwei Gesichtern:
Einerseits selbstbewusst, andererseits in engen Grenzen verhaftet
und selbst nicht frei von Herrschaftshaltung, besonders Luise
gegenüber. Als ständisch gesinnter Bürger ist er unfähig, die Probleme
und Konflikte der jungen Generation zu verstehen, und bei
der Lösung helfen kann er schon gar nicht.
Der Präsident steht in scharfem Kontrast zu Miller. Er ist der
mächtige Minister, bei dessen Auftreten im Fürstentum alle zittern. Sein Handeln ist darauf ausgerichtet,
seine Stellung am Hofe zu festigen
und sich die Gunst des Herzogs zu sichern. Dabei unterwirft er
Menschen, Wertvorstellungen und Gefühle dem rationalen
Machtkalkül.
Klug begünstigt er die Leidenschaften des Fürsten, um ihn so von
Regierungsgeschäften fern zu halten und möglichst allein die Regierungsgewalt
ausüben zu können. Er stellt sich mit der Mätresse
des Herzogs gut; er schmeichelt dem albernen Hofmarschall
von Kalb, obwohl er ihn verachtet, weil er ihn für seine Zwecke
braucht.
Liebe sieht er als törichte Schwärmerei an, ansonsten haben Beziehungen
zwischen Mann und Frau – sofern sie nicht schlicht
sexuelle Bedürfnisse befriedigen sollen – der Absicherung von
Macht und Einfluss bei Hofe zu dienen. Selbst der eigene Sohn
wird dieser Politik unterworfen, indem er zum Schein die Mätresse
des Herzogs heiraten soll und mit dieser Ehe dem Herzog den
Weg frei macht, eine aus übergeordneten politischen Gründen
angezeigte Ehe einzugehen. (Dies ist zur damaligen Zeit eine
durchaus übliche Vorgehensweise.) Sein Sohn wird zur Marionette
wie alle anderen auch, wenn der Vater seine Interessen durchsetzen
will: Er schmeichelt, er droht unverhohlen, er ordnet sogar
eine Umarmung an. So scheint letztlich alles den Nützlichkeitserwägungen
des Präsidenten zu unterliegen; eine übergeordnete
Autorität gibt es nicht und die Menschen werden wie Figuren auf
dem Schachbrett bewegt; Unberechenbarkeit und Willkür sind die
Folge für die Untertanen. Bei der Durchführung seiner Pläne gibt
sich der Präsident als seriöser und gewiefter Staatsmann, der zwar
auch einmal direkt eingreifen kann – wenn er Luise mit der Unterstellung,
sie sei doch nur Ferdinands Hure, in die Enge treibt –,
der aber lieber andere (Wurm, Hofmarschall) Intrigen planen und
ausführen lässt und erst an Punkten, wo eine besondere Wirkung
erreicht werden kann, heuchlerisch in Erscheinung tritt (IV, 5).
Eine Schwachstelle seiner Machtpolitik liegt in seiner Vergangenheit: Der Mord an seinem Vorgänger, der ihn erst in diese Spitzenposition
gebracht hat. Hier zeigt sich noch einmal, dass in diesem
Herrschaftssystem nicht staatsmännische
Fähigkeiten, sondern absolute Skrupellosigkeit
eine Karriere fördert. Um Luise vor dem ersten Zugriff
des Präsidenten zu schützen, nutzt Ferdinand genau diese
Schwachstelle aus und macht seinen Vater dadurch handlungsunfähig.
Es gibt noch einen Mitwisser, Wurm, dessen sich der
Präsident nicht absolut sicher ist, der aber im Gleichgewicht des
Schmarotzersystems unangetastet bleibt; der Präsident verhilft
dem bürgerlichen Wurm zu Macht, dieser unterstützt ihn bei der
Sicherung seiner Machtposition.
Der Präsident muss am Ende erkennen, dass sich die Menschen
nicht immer wie Schachfiguren bewegen lassen, sondern eigenen
Empfindungen und Wertvorstellungen folgen, die nicht allein
Nützlichkeitserwägungen oder Machtbestrebungen untergeordnet
sind. Tragisch ist, dass die Lösung hier aus diesem Konflikt
nur durch Selbstmord möglich ist.
Der Tod seines Sohnes und die gegenseitigen Schuldzuweisungen
zerreißen das sorgfältig gesponnene Intrigennetz; Wurm verliert
jede Scheu vor seinem Herrn und will dessen Geheimnisse preisgeben.
Gebrochen durch den Tod seines Sohnes, stellt der Präsident
sich dem Gerichtsdiener und lässt so sein bisheriges Leben
hinter sich.
Luise
Die Hauptfigur des Trauerspiels, das sechzehnjährige, bürgerliche
Mädchen ist eine schöne und schlanke Erscheinung mit blondem
Haar und sanften „Vergissmeinnichtaugen“. Sie ist zurückhaltend
und fühlt sich fest eingebunden in die bestehende Gesellschaftsordnung.
Die christliche Erziehung in dem kleinbürgerlichen Elternhaus
hat sie zur Liebe gegenüber den Eltern erzogen und sie
akzeptiert traditionsgemäß, dass die Frau gesellschaftlich eine untergeordnete
Rolle spielt. Dieses Elternhaus engt Luises Bewegungsraum ein und bindet sie an Verhaltensnormen, die die Liebe
zu Ferdinand von vornherein unmöglich machen. Liebe ist ihr
eine Herzensangelegenheit. Sie verabscheut das moralisch ungezügelte
Leben bei Hofe. Gehorsam, Ehrlichkeit
und Wahrhaftigkeit sind für sie
oberste Handlungsmaximen. Die einzige
Freiheit – gleichzeitig auch ein gesellschaftlich moderner Zug –
die ihr gestattet ist, ist die freie Wahl eines Ehepartners, allerdings
innerhalb der Standesgrenzen. Diese Freiheit nutzt sie auch, als
sie die Werbung Wurms erfolgreich ablehnt.
Ihre Abwechslung besteht darin, dass sie musizieren gelernt hat,
regelmäßig die Gottesdienste besucht und viele Romane und Gedichte
liest, so dass ihre Gedanken und Äußerungen die Formulierungen
der Dichter widerspiegeln (siehe z. B. 13/18 f., „Blümchen
Jugend ... Veilchen“, Anspielung auf das Goethe-Gedicht Das Veilchen“).
Mit dem Auftauchen Ferdinands bricht eine fremde Welt in ihr
behütetes Leben ein. Der übliche Kontakt mit einem Adligen würde
darauf hinauslaufen, dass Luise Geliebte und Mätresse werden
würde, solange sie attraktiv genug ist. Bei dieser Konstellation
kann Luise nur menschlich und persönlich verlieren. Aber sie
kann auch nur verlieren, wenn sie auf Ferdinands Angebot, ihre
Beziehung ausschließlich auf Liebe zu bauen, eingeht. Denn eine
so begründete Zweierbeziehung ist nicht nur am Hof unüblich
und sie würde, da sie über Standesgrenzen geht, gar nicht akzeptiert
werden.
So gerät Luise in den Zielbereich der Intrige. Sie wird gezwungen,
einen Teil ihrer Werthaltung, ihren „ehrlichen Namen“, aufzugeben,
um einen anderen zu retten: Sie muss auf Geheiß des Sekretärs
Wurm eine Liebschaft mit dem Hofmarschall von Kalb vortäuschen,
um ihre Eltern aus der Gewalt des Präsidenten zu
befreien. Es passt in die Berechnung der Intrige, dass sich Luise
an das Versprechen der Verschwiegenheit hält, und es bestätigt
das Bild von dem ohnmächtigen Bürgertum, wenn Luise an das
Notwehrrecht, das die Übertretung eines erzwungenen Gebots
erlaubt, zu keinem Zeitpunkt denkt.
Luise kann nicht selbstbestimmt handeln. Sie ist sowohl ihrem
Vater als auch Ferdinand ausgeliefert und leistet dort Widerstand,
wo sie es aufgrund des erlernten Wertekanons kann (vgl z. B. III,
4). Ihre Einbettung in die väterlichen Wertvorstellungen macht
ihr Weltbild starr. Genauso wenig, wie Ferdinand ihre Argumentation
verstehen kann, ist sie in der Lage, Verständnis für Ferdinand
aufzubringen.
Den Zwiespalt zwischen der persönlichen
Liebe und dem gesellschaftlichen
Standort akzeptiert Luise als tragisches
Schicksal. Sie hat zwei Gottesvorstellungen:
von ihrem Vater den richtenden
und strafenden Gott und von Ferdinand den „Vater der Liebenden“,
der im Herzen wohnt und einen Selbstmord um der Liebe
und des Sich-selbst-treu-sein-Könnens willen verstehen würde.
Diese Vorstellung Ferdinands hilft ihr, einen Weg aus ihrem Dilemma
zu finden, der sie beruhigt. So verteidigt sie ihren Standpunkt
selbstbewusst vor Lady Milford und sieht am Ende ihres
Schicksals den Selbstmord.
Aus Vaterliebe und Gehorsam gibt sie diesen Glauben und sich
selbst auf und fügt sich in die Lebensperspektive eines in der
Stadt entehrten Mädchens.
Erst als sie dann doch durch das Gift Ferdinands sterben muss,
fühlt sie sich nicht mehr an den Eid gebunden.
Lady Milford
Lady Milford ist der Gegenpol zu Luise:
Sie weiß ihr Schicksal in die Hand zu
nehmen und versucht ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Sie befindet
sich vom bürgerlich-staatsbürgerlichen Standpunkt aus in einer
verwerflichen Position. Sie lebt in großem Reichtum und ist gesellschaftlich
geachtet. Als in Not geratene adlige Frau hatte sie
Zwiespalt zwischen der
persönlichen Liebe und dem
gesellschaftlichen Standort als
tragisches Schicksal
Gegenpol zu Luise
nur wenige Möglichkeiten, um zu überleben. So wurde sie die
Mätresse des Herzogs, hat ihm aber den Eid abgenommen, seine
Untertanen zu schonen. Ihre Dienerschaft behandelt sie ungewöhnlich
gut, und als sie vom Verkauf der Landeskinder als Soldaten
nach England hört, versucht sie die Not durch Geldgeschenke
zu lindern. Sie erkennt wohl, dass ihr Leben in heute
unvorstellbarem Luxus nur möglich ist durch die Ausbeutung eines
ganzen Landes, trotzdem fühlt sie sich dem Hof verbunden
und nutzt zur Durchsetzung ihrer Wünsche die Mechanismen des
Hofes: Intrige und bewusst gestreute Information. Sie verabscheut
die künstliche Prachtentfaltung des Hoflebens und sucht
statt dessen Wärme und echte Liebe, was man nicht erwartet
hätte. Sie beneidet Luise, die über diese Liebe verfügt. Es ist tragisch
und beschleunigt den Verlauf der Kabale, dass ihre Liebe
Ferdinand gilt. Da dieser an seiner Beziehung zu Luise festhält,
kommt die Lady ihrem Ziel nicht näher.
Lady Milford scheitert. Sie erkennt, dass sie eine Liebe, wie sie sie
selbst gern erfahren hätte, zerstören würde. So entzieht sie sich
der Kabale und verzichtet auf ihre Machtposition. Dafür liefert sie
vordergründig als Grund den Vertragsbruch des Herzogs, der den
Abbruch der Beziehung rechtfertigt.
Ferdinand
Ferdinand ist ein Held der großen Worte, nicht der großen Taten.
Er ist von seiner Biografie und von seiner
Einstellung her auch nicht auf große
Taten eingestellt. Obwohl Ferdinand einen verhältnismäßig hohen
militärischen Rang, und zwar den eines Majors, hat, ist er mit
seinen 20 Jahren kein durch das Leben geprägter junger Mann.
Im Gegenteil, er ist ein reiner Theoretiker. Von der „Akademien“
her hat er die hohen Ideen von Menschenrechten, von Seelengröße
und vom persönlichen Wert des Einzelnen mitgebracht. Er
stellt sich wortreich und pathetisch gegen gesellschaftliche Vorurteile,
gegen den Standesdünkel und gegen die Standesschranken.
Mit diesen Idealen und Vorsätzen ist er in der höfischen Gesellschaft,
die – wenn sie überleben will – mit stets wechselndem
Verhalten taktieren muss, um sich die Gunst des Fürsten und
damit ihre Macht zu erhalten, von vornherein ein Fremdkörper.
Dies wird verstärkt, als sich Ferdinand in die Bürgerstochter verliebt
und auch noch heiraten will.
Ihm liegt nichts an der Hofkarriere, die sein Vater auf kriminellen
Wegen für ihn vorbereitet hat. Er bewertet ein Zusammenleben
mit Luise höher als das Hofleben (I, 7), obwohl er weiß, dass er
sich mit diesem Vorhaben ins gesellschaftliche Aus katapultiert.
Seinem Vater muss Ferdinand so als missratener Sohn erscheinen,
der sein Lebenswerk in Frage stellt.
Da seine Kritik am Verhalten der Mächtigen nicht in den Willen
mündet, selbst Macht auszuüben, um eine gerechte Herrschaft
mit neuen Idealen zu errichten, schwebt dem Idealisten ein Rückzug
nach „Nirgendwo“ vor. Ferdinand hat kein Fundament, in das
er seine Vorstellungen betten könnte: Er lehnt die Welt des Adels
als Basis ab; die Gesellschaft, die diese neuen Ideale umsetzt, gibt
es zu dieser Zeit noch nicht. So ist es verständlich, dass er keinen
Aufenthaltsort benennen kann, an dem eine legitimierte Zweierbeziehung
möglich wäre.
Ferdinand liebt Luise „um des Ideals“, nicht um „des Gegenstand
willen“. Er liebt sein Ideal von der Liebe, Gleichklang der Herzen
über Standesgrenzen hinweg. Sie umfasst „alles“. Daraus erklärt
sich auch Ferdinands Blindheit für die konkreten Lebensbedingungen
Luises.
So einsichtig Ferdinands Auffassung von Liebe und Gesellschaft
heute wirkt, so wenig gelingt es ihm, dies seiner Umgebung zu
vermitteln. Er ist nicht diplomatisch genug, um für sich zu werben,
er unterstellt einfach die unmittelbare Wirkung der von ihm
vertretenen Ideale. Er geht in ihnen so pathetisch, überzogen euphorisch
auf, dass er seine tatsächliche Lage nicht mehr wahrnimmt.
So wird eine realistische Einschätzung der Intrige
seinerseits verhindert und werden Äußerungen, die die ausweglo-
se Situation Luises sofort bereinigt hätten (Eingeständnis von
Kalbs, versteckte Andeutungen Luises), gar nicht mehr wahrgenommen.
Das schon penetrante Pochen auf moralische Grundsätze
und seine herablassende Art bringen auch Lady Milford gegen
ihn auf.
Ferdinands emotionaler Idealismus ist
gekoppelt mit persönlicher Empfindlichkeit,
die es auch Luise schwer machen,
sich ihm anzuschließen. Er findet keinen
Verbündeten und so bewirken seine Handlungen keine Lösung
des Problems; im Gegenteil, sie verstärken die intrigante Energie
der Gegenseite.
So isoliert, kommt Ferdinand auf seinen Plan, der auf einen Einzelgänger
zugeschnitten ist, heimlich ausgeführt wird und in eine
unumkehrbare Extremsituation führt. Nachdem er einmal diesen
Entschluss gefasst hat, ist er nicht mehr in der Lage, Informationen
aufzunehmen, die ihn von seinem Vorhaben abbringen könnten.
Er kann sich selbst nicht mehr helfen.
Aber durch die Erschütterung, die seine Bereitschaft zu Mord und
Selbstmord hervorruft, bewirkt er Reue bei seinem Vater. Insofern
lässt sein Idealismus doch die Möglichkeit einer besseren Gesellschaft
durchscheinen.
Sekretär Wurm
Wurm ist ein soziales Zwitterwesen: Als Bürger seit langem im
Dienst des Adels, vertritt er dessen Vorstellungen
und Interessen. Er ist kein
schlichter Handlanger des Präsidenten, sondern kann mit eigenständiger
krimineller Energie Intrigen betreiben und dem Präsidenten
eingeben. So ist er als Einziger geeignet, die Kabale in
Gang zu setzen, weil er einerseits weiß, wie Ferdinand denkt und
welche Mittel daher geeignet sind: Er hat richtig vorausgesehen,
dass Ferdinand den Betrug, blind vor Eifersucht, nicht zu durchschauen
vermag. Andererseits kennt er das Wertesystem, in dem
Ferdinands emotionaler
Idealismus ist gekoppelt mit
persönlicher Empfindlichkeit
soziales Zwitterwesen
die Millers leben und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben.
So weiß er genau, dass das fromme Mädchen einen geleisteten
Schwur niemals brechen würde. Er möchte die Pläne des Präsidenten
so nutzen, dass für ihn dabei Luise als Ehefrau abfällt.
Um sie als Gattin zu erhalten, versucht er ihr Verhältnis zu Ferdinand
dadurch zu zerstören, dass er zunächst den Präsidenten
davon unterrichtet und ihn anreizt, die Familie Miller zu bedrohen,
dann dadurch, dass er Luise zwingt, einen Brief zu schreiben,
der ihre hohen moralischen Grundsätze als bloße Tarnung
für einen lockeren Lebenswandel entlarven soll. Damit ist sie für
einen ehrbaren bürgerlichen Ehemann unakzeptabel geworden,
so dass sein Heiratsangebot als ideale Lösung erscheinen muss.
Wurm weiß genau, wie er das Wertesystem der anderen für seine
Intrigen arbeiten lassen kann. Er scheitert aber doch, weil er nicht
damit gerechnet hat, dass Ferdinand seine Empfindungen bis zur
letzten Konsequenz durchdenkt und sie höher stellt als alle anderen
sonst bei Hofe üblichen taktischen Arrangements mit dem
gerade Mächtigen. Die Reduktion aller Beziehungen zum bloßen
Positionskampf um eine Stellung in der Hierarchie zeigt sich auch
in der Figur des von Kalb, des Hofmarschalls. Der Zuschauer betrachtet
ihn belustigt, der Präsident kann ihn verachten, weil dessen
Geschäfte und kleine Unglücke derart belanglos sind. Deutlich
wird in dieser Karikatur aber auch der ständige Kampf um
Positionen mit Einfluss, der grundsätzlich auf Kosten des „unbescholtenen
Mannes“ geht. In diesem System ist die Selbstaufgabe
als einzige Möglichkeit nicht denkbar.
Mehr zum Herunterladen, Prüfungsaufgaben, Musterklausuren, Interpretationen ....
alles, was das Abi-Herz begehrt ... auch in letzter Minute...! (Viel Glück !!)
Auszug aus:
www.Bange-Verlag.de
Miller
Der Musikus Miller verkörpert den bürgerlichen Familienvater,
einen plumpen Charakter, der etwas vierschrötig auftritt und
dabei seinen Äußerungen noch einen Schuss Humor beimischt.
Von Beginn an ist diese Vaterfigur zwiespältig
gestaltet: Er ist der liebevolle Vater,
der seine Tochter schützen möchte. Aber zu keinem Zeitpunkt
der Handlung ist Miller ein Mann der Tat. Er kündigt zwar
ständig an, etwas zu unternehmen, es geschieht aber nichts. So
will er zum Präsidenten gehen, um ein Gespräch von Vater zu
Vater zu führen – er bleibt zu Hause. Bei der ersten Konfrontation
mit dem Präsidenten will er vom Hausrecht Gebrauch machen –
er kündigt es lediglich an. Miller lebt in einem engen, aber überschaubaren
Lebensraum. Seine Selbstsicherheit bezieht dieser
städtische Kleinbürger daraus, dass er sich durch seine Arbeit eine
Existenz geschaffen und Kalkulierbarkeit in sein Leben gebracht
hat. Der Musikus fügt sich in die Ordnung der Ständegesellschaft
ein und wünscht keine Experimente, wie sie auch diese Liebe
hervorrufen könnte. So besteht er auf einer Beendigung der Beziehung
zwischen seiner Tochter Luise und dem Adligen Ferdinand
von Walter, als er erkennt, dass die beiden mehr als die
Liebe zur Musik verbindet. Zu der Selbstsicherheit, die aus der
beruflichen Position heraus entwickelt ist, tritt ein festes Gottvertrauen.
Diese Frömmigkeit setzt er schließlich unter anderem
auch bewusst ein, um seine Tochter vom Selbstmord abzuhalten.
Hier zeigt er seine ganze väterliche Macht und holt Luise so in
seine Welt zurück. Ihm ist nicht klar, dass er das Mädchen damit
zerstört.
Gegenüber den beiden Frauen, die ihn
umgeben, verhält er sich patriarchalisch:
Für sein einziges Kind Luise, erzogen nach seinen Wertmaßstäben,
empfindet er eine fast abgöttische Liebe. Ihr gestattet er –
zwiespältig natürlich innerhalb der Standesgrenzen – die freie Wahl eines
Ehepartners. Zu seiner Frau besteht offensichtlich kein Vertrauensverhältnis.
Dieser bornierten, undiplomatischen Frau gegenüber
verhält er sich ausschließlich als befehlender Patriarch, ohne
viel auszurichten. So will sie, wenn Miller sich Luises Heiratsplänen
widersetzen will, vor Gericht gehen. Frau Miller stellt einen
anderen Typ von Ehefrau dar als den, zu dem Miller seine Tochter
erzogen hat. Seine Frau handelt ohne oder gegen sein Wissen,
indem sie die Beziehung zwischen Luise und Ferdinand heimlich
fördert. Dabei fällt für sie so manches kleine Geschenk ab und sie
fühlt sich geschmeichelt, einen feinen Herrn im Hause zu haben.
Hier spielt sich im kleinen, engen familiären Rahmen eine ständige
Intrige ab.
Obwohl Miller der kleinen, überschaubaren Welt verhaftet ist und
ein gewachsenes bürgerliches Selbstbewusstsein zeigt, hat auch
er geheime Träume vom großen Glück und einem gesellschaftlichen
Aufstieg. Als Ferdinand ihm eine große Summe gibt, wird
dieser Charakterzug deutlich, der sich bisher nur in der Geld-Metaphorik
Millers und Andeutungen (s. I, 1) widerspiegelte. Der
unerwartete Geldbesitz deckt diese Träume auf und lässt Miller in
seinem Tanz um das Gold mit verzerrtem Gesicht abstoßend wirken.
Am Schluss des Dramas, als er vor der Leiche Luises steht,
wird klar, dass sein väterlicher Autoritätsanspruch gescheitert ist,
und er läuft verzweifelt davon.
Insgesamt gesehen ist Miller eine Gestalt mit zwei Gesichtern:
Einerseits selbstbewusst, andererseits in engen Grenzen verhaftet
und selbst nicht frei von Herrschaftshaltung, besonders Luise
gegenüber. Als ständisch gesinnter Bürger ist er unfähig, die Probleme
und Konflikte der jungen Generation zu verstehen, und bei
der Lösung helfen kann er schon gar nicht.
Der Präsident steht in scharfem Kontrast zu Miller. Er ist der
mächtige Minister, bei dessen Auftreten im Fürstentum alle zittern. Sein Handeln ist darauf ausgerichtet,
seine Stellung am Hofe zu festigen
und sich die Gunst des Herzogs zu sichern. Dabei unterwirft er
Menschen, Wertvorstellungen und Gefühle dem rationalen
Machtkalkül.
Klug begünstigt er die Leidenschaften des Fürsten, um ihn so von
Regierungsgeschäften fern zu halten und möglichst allein die Regierungsgewalt
ausüben zu können. Er stellt sich mit der Mätresse
des Herzogs gut; er schmeichelt dem albernen Hofmarschall
von Kalb, obwohl er ihn verachtet, weil er ihn für seine Zwecke
braucht.
Liebe sieht er als törichte Schwärmerei an, ansonsten haben Beziehungen
zwischen Mann und Frau – sofern sie nicht schlicht
sexuelle Bedürfnisse befriedigen sollen – der Absicherung von
Macht und Einfluss bei Hofe zu dienen. Selbst der eigene Sohn
wird dieser Politik unterworfen, indem er zum Schein die Mätresse
des Herzogs heiraten soll und mit dieser Ehe dem Herzog den
Weg frei macht, eine aus übergeordneten politischen Gründen
angezeigte Ehe einzugehen. (Dies ist zur damaligen Zeit eine
durchaus übliche Vorgehensweise.) Sein Sohn wird zur Marionette
wie alle anderen auch, wenn der Vater seine Interessen durchsetzen
will: Er schmeichelt, er droht unverhohlen, er ordnet sogar
eine Umarmung an. So scheint letztlich alles den Nützlichkeitserwägungen
des Präsidenten zu unterliegen; eine übergeordnete
Autorität gibt es nicht und die Menschen werden wie Figuren auf
dem Schachbrett bewegt; Unberechenbarkeit und Willkür sind die
Folge für die Untertanen. Bei der Durchführung seiner Pläne gibt
sich der Präsident als seriöser und gewiefter Staatsmann, der zwar
auch einmal direkt eingreifen kann – wenn er Luise mit der Unterstellung,
sie sei doch nur Ferdinands Hure, in die Enge treibt –,
der aber lieber andere (Wurm, Hofmarschall) Intrigen planen und
ausführen lässt und erst an Punkten, wo eine besondere Wirkung
erreicht werden kann, heuchlerisch in Erscheinung tritt (IV, 5).
Eine Schwachstelle seiner Machtpolitik liegt in seiner Vergangenheit: Der Mord an seinem Vorgänger, der ihn erst in diese Spitzenposition
gebracht hat. Hier zeigt sich noch einmal, dass in diesem
Herrschaftssystem nicht staatsmännische
Fähigkeiten, sondern absolute Skrupellosigkeit
eine Karriere fördert. Um Luise vor dem ersten Zugriff
des Präsidenten zu schützen, nutzt Ferdinand genau diese
Schwachstelle aus und macht seinen Vater dadurch handlungsunfähig.
Es gibt noch einen Mitwisser, Wurm, dessen sich der
Präsident nicht absolut sicher ist, der aber im Gleichgewicht des
Schmarotzersystems unangetastet bleibt; der Präsident verhilft
dem bürgerlichen Wurm zu Macht, dieser unterstützt ihn bei der
Sicherung seiner Machtposition.
Der Präsident muss am Ende erkennen, dass sich die Menschen
nicht immer wie Schachfiguren bewegen lassen, sondern eigenen
Empfindungen und Wertvorstellungen folgen, die nicht allein
Nützlichkeitserwägungen oder Machtbestrebungen untergeordnet
sind. Tragisch ist, dass die Lösung hier aus diesem Konflikt
nur durch Selbstmord möglich ist.
Der Tod seines Sohnes und die gegenseitigen Schuldzuweisungen
zerreißen das sorgfältig gesponnene Intrigennetz; Wurm verliert
jede Scheu vor seinem Herrn und will dessen Geheimnisse preisgeben.
Gebrochen durch den Tod seines Sohnes, stellt der Präsident
sich dem Gerichtsdiener und lässt so sein bisheriges Leben
hinter sich.
Luise
Die Hauptfigur des Trauerspiels, das sechzehnjährige, bürgerliche
Mädchen ist eine schöne und schlanke Erscheinung mit blondem
Haar und sanften „Vergissmeinnichtaugen“. Sie ist zurückhaltend
und fühlt sich fest eingebunden in die bestehende Gesellschaftsordnung.
Die christliche Erziehung in dem kleinbürgerlichen Elternhaus
hat sie zur Liebe gegenüber den Eltern erzogen und sie
akzeptiert traditionsgemäß, dass die Frau gesellschaftlich eine untergeordnete
Rolle spielt. Dieses Elternhaus engt Luises Bewegungsraum ein und bindet sie an Verhaltensnormen, die die Liebe
zu Ferdinand von vornherein unmöglich machen. Liebe ist ihr
eine Herzensangelegenheit. Sie verabscheut das moralisch ungezügelte
Leben bei Hofe. Gehorsam, Ehrlichkeit
und Wahrhaftigkeit sind für sie
oberste Handlungsmaximen. Die einzige
Freiheit – gleichzeitig auch ein gesellschaftlich moderner Zug –
die ihr gestattet ist, ist die freie Wahl eines Ehepartners, allerdings
innerhalb der Standesgrenzen. Diese Freiheit nutzt sie auch, als
sie die Werbung Wurms erfolgreich ablehnt.
Ihre Abwechslung besteht darin, dass sie musizieren gelernt hat,
regelmäßig die Gottesdienste besucht und viele Romane und Gedichte
liest, so dass ihre Gedanken und Äußerungen die Formulierungen
der Dichter widerspiegeln (siehe z. B. 13/18 f., „Blümchen
Jugend ... Veilchen“, Anspielung auf das Goethe-Gedicht Das Veilchen“).
Mit dem Auftauchen Ferdinands bricht eine fremde Welt in ihr
behütetes Leben ein. Der übliche Kontakt mit einem Adligen würde
darauf hinauslaufen, dass Luise Geliebte und Mätresse werden
würde, solange sie attraktiv genug ist. Bei dieser Konstellation
kann Luise nur menschlich und persönlich verlieren. Aber sie
kann auch nur verlieren, wenn sie auf Ferdinands Angebot, ihre
Beziehung ausschließlich auf Liebe zu bauen, eingeht. Denn eine
so begründete Zweierbeziehung ist nicht nur am Hof unüblich
und sie würde, da sie über Standesgrenzen geht, gar nicht akzeptiert
werden.
So gerät Luise in den Zielbereich der Intrige. Sie wird gezwungen,
einen Teil ihrer Werthaltung, ihren „ehrlichen Namen“, aufzugeben,
um einen anderen zu retten: Sie muss auf Geheiß des Sekretärs
Wurm eine Liebschaft mit dem Hofmarschall von Kalb vortäuschen,
um ihre Eltern aus der Gewalt des Präsidenten zu
befreien. Es passt in die Berechnung der Intrige, dass sich Luise
an das Versprechen der Verschwiegenheit hält, und es bestätigt
das Bild von dem ohnmächtigen Bürgertum, wenn Luise an das
Notwehrrecht, das die Übertretung eines erzwungenen Gebots
erlaubt, zu keinem Zeitpunkt denkt.
Luise kann nicht selbstbestimmt handeln. Sie ist sowohl ihrem
Vater als auch Ferdinand ausgeliefert und leistet dort Widerstand,
wo sie es aufgrund des erlernten Wertekanons kann (vgl z. B. III,
4). Ihre Einbettung in die väterlichen Wertvorstellungen macht
ihr Weltbild starr. Genauso wenig, wie Ferdinand ihre Argumentation
verstehen kann, ist sie in der Lage, Verständnis für Ferdinand
aufzubringen.
Den Zwiespalt zwischen der persönlichen
Liebe und dem gesellschaftlichen
Standort akzeptiert Luise als tragisches
Schicksal. Sie hat zwei Gottesvorstellungen:
von ihrem Vater den richtenden
und strafenden Gott und von Ferdinand den „Vater der Liebenden“,
der im Herzen wohnt und einen Selbstmord um der Liebe
und des Sich-selbst-treu-sein-Könnens willen verstehen würde.
Diese Vorstellung Ferdinands hilft ihr, einen Weg aus ihrem Dilemma
zu finden, der sie beruhigt. So verteidigt sie ihren Standpunkt
selbstbewusst vor Lady Milford und sieht am Ende ihres
Schicksals den Selbstmord.
Aus Vaterliebe und Gehorsam gibt sie diesen Glauben und sich
selbst auf und fügt sich in die Lebensperspektive eines in der
Stadt entehrten Mädchens.
Erst als sie dann doch durch das Gift Ferdinands sterben muss,
fühlt sie sich nicht mehr an den Eid gebunden.
Lady Milford
Lady Milford ist der Gegenpol zu Luise:
Sie weiß ihr Schicksal in die Hand zu
nehmen und versucht ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Sie befindet
sich vom bürgerlich-staatsbürgerlichen Standpunkt aus in einer
verwerflichen Position. Sie lebt in großem Reichtum und ist gesellschaftlich
geachtet. Als in Not geratene adlige Frau hatte sie
Zwiespalt zwischen der
persönlichen Liebe und dem
gesellschaftlichen Standort als
tragisches Schicksal
Gegenpol zu Luise
nur wenige Möglichkeiten, um zu überleben. So wurde sie die
Mätresse des Herzogs, hat ihm aber den Eid abgenommen, seine
Untertanen zu schonen. Ihre Dienerschaft behandelt sie ungewöhnlich
gut, und als sie vom Verkauf der Landeskinder als Soldaten
nach England hört, versucht sie die Not durch Geldgeschenke
zu lindern. Sie erkennt wohl, dass ihr Leben in heute
unvorstellbarem Luxus nur möglich ist durch die Ausbeutung eines
ganzen Landes, trotzdem fühlt sie sich dem Hof verbunden
und nutzt zur Durchsetzung ihrer Wünsche die Mechanismen des
Hofes: Intrige und bewusst gestreute Information. Sie verabscheut
die künstliche Prachtentfaltung des Hoflebens und sucht
statt dessen Wärme und echte Liebe, was man nicht erwartet
hätte. Sie beneidet Luise, die über diese Liebe verfügt. Es ist tragisch
und beschleunigt den Verlauf der Kabale, dass ihre Liebe
Ferdinand gilt. Da dieser an seiner Beziehung zu Luise festhält,
kommt die Lady ihrem Ziel nicht näher.
Lady Milford scheitert. Sie erkennt, dass sie eine Liebe, wie sie sie
selbst gern erfahren hätte, zerstören würde. So entzieht sie sich
der Kabale und verzichtet auf ihre Machtposition. Dafür liefert sie
vordergründig als Grund den Vertragsbruch des Herzogs, der den
Abbruch der Beziehung rechtfertigt.
Ferdinand
Ferdinand ist ein Held der großen Worte, nicht der großen Taten.
Er ist von seiner Biografie und von seiner
Einstellung her auch nicht auf große
Taten eingestellt. Obwohl Ferdinand einen verhältnismäßig hohen
militärischen Rang, und zwar den eines Majors, hat, ist er mit
seinen 20 Jahren kein durch das Leben geprägter junger Mann.
Im Gegenteil, er ist ein reiner Theoretiker. Von der „Akademien“
her hat er die hohen Ideen von Menschenrechten, von Seelengröße
und vom persönlichen Wert des Einzelnen mitgebracht. Er
stellt sich wortreich und pathetisch gegen gesellschaftliche Vorurteile,
gegen den Standesdünkel und gegen die Standesschranken.
Mit diesen Idealen und Vorsätzen ist er in der höfischen Gesellschaft,
die – wenn sie überleben will – mit stets wechselndem
Verhalten taktieren muss, um sich die Gunst des Fürsten und
damit ihre Macht zu erhalten, von vornherein ein Fremdkörper.
Dies wird verstärkt, als sich Ferdinand in die Bürgerstochter verliebt
und auch noch heiraten will.
Ihm liegt nichts an der Hofkarriere, die sein Vater auf kriminellen
Wegen für ihn vorbereitet hat. Er bewertet ein Zusammenleben
mit Luise höher als das Hofleben (I, 7), obwohl er weiß, dass er
sich mit diesem Vorhaben ins gesellschaftliche Aus katapultiert.
Seinem Vater muss Ferdinand so als missratener Sohn erscheinen,
der sein Lebenswerk in Frage stellt.
Da seine Kritik am Verhalten der Mächtigen nicht in den Willen
mündet, selbst Macht auszuüben, um eine gerechte Herrschaft
mit neuen Idealen zu errichten, schwebt dem Idealisten ein Rückzug
nach „Nirgendwo“ vor. Ferdinand hat kein Fundament, in das
er seine Vorstellungen betten könnte: Er lehnt die Welt des Adels
als Basis ab; die Gesellschaft, die diese neuen Ideale umsetzt, gibt
es zu dieser Zeit noch nicht. So ist es verständlich, dass er keinen
Aufenthaltsort benennen kann, an dem eine legitimierte Zweierbeziehung
möglich wäre.
Ferdinand liebt Luise „um des Ideals“, nicht um „des Gegenstand
willen“. Er liebt sein Ideal von der Liebe, Gleichklang der Herzen
über Standesgrenzen hinweg. Sie umfasst „alles“. Daraus erklärt
sich auch Ferdinands Blindheit für die konkreten Lebensbedingungen
Luises.
So einsichtig Ferdinands Auffassung von Liebe und Gesellschaft
heute wirkt, so wenig gelingt es ihm, dies seiner Umgebung zu
vermitteln. Er ist nicht diplomatisch genug, um für sich zu werben,
er unterstellt einfach die unmittelbare Wirkung der von ihm
vertretenen Ideale. Er geht in ihnen so pathetisch, überzogen euphorisch
auf, dass er seine tatsächliche Lage nicht mehr wahrnimmt.
So wird eine realistische Einschätzung der Intrige
seinerseits verhindert und werden Äußerungen, die die ausweglo-
se Situation Luises sofort bereinigt hätten (Eingeständnis von
Kalbs, versteckte Andeutungen Luises), gar nicht mehr wahrgenommen.
Das schon penetrante Pochen auf moralische Grundsätze
und seine herablassende Art bringen auch Lady Milford gegen
ihn auf.
Ferdinands emotionaler Idealismus ist
gekoppelt mit persönlicher Empfindlichkeit,
die es auch Luise schwer machen,
sich ihm anzuschließen. Er findet keinen
Verbündeten und so bewirken seine Handlungen keine Lösung
des Problems; im Gegenteil, sie verstärken die intrigante Energie
der Gegenseite.
So isoliert, kommt Ferdinand auf seinen Plan, der auf einen Einzelgänger
zugeschnitten ist, heimlich ausgeführt wird und in eine
unumkehrbare Extremsituation führt. Nachdem er einmal diesen
Entschluss gefasst hat, ist er nicht mehr in der Lage, Informationen
aufzunehmen, die ihn von seinem Vorhaben abbringen könnten.
Er kann sich selbst nicht mehr helfen.
Aber durch die Erschütterung, die seine Bereitschaft zu Mord und
Selbstmord hervorruft, bewirkt er Reue bei seinem Vater. Insofern
lässt sein Idealismus doch die Möglichkeit einer besseren Gesellschaft
durchscheinen.
Sekretär Wurm
Wurm ist ein soziales Zwitterwesen: Als Bürger seit langem im
Dienst des Adels, vertritt er dessen Vorstellungen
und Interessen. Er ist kein
schlichter Handlanger des Präsidenten, sondern kann mit eigenständiger
krimineller Energie Intrigen betreiben und dem Präsidenten
eingeben. So ist er als Einziger geeignet, die Kabale in
Gang zu setzen, weil er einerseits weiß, wie Ferdinand denkt und
welche Mittel daher geeignet sind: Er hat richtig vorausgesehen,
dass Ferdinand den Betrug, blind vor Eifersucht, nicht zu durchschauen
vermag. Andererseits kennt er das Wertesystem, in dem
Ferdinands emotionaler
Idealismus ist gekoppelt mit
persönlicher Empfindlichkeit
soziales Zwitterwesen
die Millers leben und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben.
So weiß er genau, dass das fromme Mädchen einen geleisteten
Schwur niemals brechen würde. Er möchte die Pläne des Präsidenten
so nutzen, dass für ihn dabei Luise als Ehefrau abfällt.
Um sie als Gattin zu erhalten, versucht er ihr Verhältnis zu Ferdinand
dadurch zu zerstören, dass er zunächst den Präsidenten
davon unterrichtet und ihn anreizt, die Familie Miller zu bedrohen,
dann dadurch, dass er Luise zwingt, einen Brief zu schreiben,
der ihre hohen moralischen Grundsätze als bloße Tarnung
für einen lockeren Lebenswandel entlarven soll. Damit ist sie für
einen ehrbaren bürgerlichen Ehemann unakzeptabel geworden,
so dass sein Heiratsangebot als ideale Lösung erscheinen muss.
Wurm weiß genau, wie er das Wertesystem der anderen für seine
Intrigen arbeiten lassen kann. Er scheitert aber doch, weil er nicht
damit gerechnet hat, dass Ferdinand seine Empfindungen bis zur
letzten Konsequenz durchdenkt und sie höher stellt als alle anderen
sonst bei Hofe üblichen taktischen Arrangements mit dem
gerade Mächtigen. Die Reduktion aller Beziehungen zum bloßen
Positionskampf um eine Stellung in der Hierarchie zeigt sich auch
in der Figur des von Kalb, des Hofmarschalls. Der Zuschauer betrachtet
ihn belustigt, der Präsident kann ihn verachten, weil dessen
Geschäfte und kleine Unglücke derart belanglos sind. Deutlich
wird in dieser Karikatur aber auch der ständige Kampf um
Positionen mit Einfluss, der grundsätzlich auf Kosten des „unbescholtenen
Mannes“ geht. In diesem System ist die Selbstaufgabe
als einzige Möglichkeit nicht denkbar.
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